Tag 2,5-10 / Meile 42-178: Into the great wide open

Into the great wide open
Under them skies of blue
Out in the great wide open
A rebel without a clue.“

Tom Petty

Ich hätte nie gedacht, dass sie so schön ist, die Wüste. Nach meiner Mittagspause in Mount Laguna ziehe ich los durch den Sturm. Es ist kalt, aber das macht mir ja bekanntlich nichts. „Einfach weiter“, denke ich mir. Josh habe ich bereits verloren und als ich das nächste Mal auf die Karte schaue, sehe ich, dass der nächste Zeltplatz (also ein Ort, an dem Platz genug für ein Zelt ist) noch acht Meilen hin ist. Ich schalte auf „Schnellmodus“ und ziehe weiter. Als ich kurz an einem Wegweiser halte, ruft Jemand meinen Namen. Es ist Jamie, der sein Zelt hier aufgeschlagen hat. Ich quetsche meines daneben und nehme dankend eine Tasse heißen Ingwertee an.

Ich friere in der Nacht, aber am nächsten Morgen scheint die Sonne wieder und ich bin bald aufgewärmt. Die Aussicht auf das Wüstental wird immer großartiger. Tag 4 auf dem PCT! Nach einigen Meilen begegne ich einer Kiste: Da hat doch tatsächlich Jemand Orangen für uns in die Wüste gestellt. Trail Magic! Ich esse eine und nehme einen kleinen Umweg zu einer Wasserstelle. Wasser ist unser höchstes Gut in der Wüste. Ich trinke jeden Tag rund sieben Liter. Am Straßenrand begegne ich einer Frau, die mich zu sich ruft. Sie habe für uns Hiker ein paar Energieriegel gebacken, ob ich die Kiste mit zum Trail zurücktragen könne. Trail Magic Nummer 2 für heute!

Ich ziehe weiter und treffe immer wieder auf Jamie (aus Minnesota) und auf Josee aus Kanada. Am Abend die nächste Überraschung: Trail Magic Nummer 3! Trail Angel Happy Feet wartet auf uns mit eisgekühlten Getränken, Chips und Keksen. Das stärkt uns für die letzten Meilen, die immer die härtesten des Tages sind. Wir campen auf einer Anhöhe und haben die schönste Aussicht auf das Tal.

Es wird wärmer und wärmer. Josee ist schon fast losgezogen, als ich aufwache. Jamie verarztet gerade seine Blasen. Ich laufe schnelle sechs Meilen bis zur Brücke von Scissors Crossing. Hier haben Trail Angels ein Wasserdepot angelegt. Und gerade als ich komme, bringt Dan aus San Diego Spaghetti für uns vorbei. Ich liebe Trail Magic! Kurze Zeit später mache ich mich auf in Richtung Wüste. Und ich merke wie trocken es ist. Die nächste Wasserquelle, ebenfalls ein Depot, befindet sich erst in 14 Meilen.

Josee ist schon verschwunden, aber Jamie holt mich ein und wir zelten auf einem Berg in der Nähe der Wasserstelle. Als wir dort ankommen, können wir kaum noch laufen. Unsere Füße sind angeschwollen und voller Blasen. Aber der Sonnenuntergang entschädigt alles!

Am nächsten Tag machen wir unsere ersten 100 Meilen! Es ist wieder sehr warm, aber die Aussicht auf heute Abend hält uns in Stimmung. Wir kommen nämlich nach Warner Springs und da gibt es ein Restaurant: kalte Cola und Burger!

Eagle Rock

Wir haben keine Lust uns auf den Campingplatz zu quetschen, verstecken unsere Rucksäcke in einem hohlen Baumstamm und schlagen uns erst einmal die Bäuche voll. (Die Getränke-Refill-Option in Amerika ist klasse!) Dann kehren wir zurück und beschließen die Zelte heute eingepackt zu lassen. Das Wetter ist so schön und der Himmel so klar, dass wir den schönsten Sternenhimmel betrachten können – immerhin für eine Stunde, denn um 20:30 Uhr ist Schicht im Schacht.

Am nächsten Tag erwarten uns über 1.500 Meter Steigung – und das bei 30 °C! Irgendwann läuft mir Jamie davon, aber dafür treffe ich Josee wieder. Es ist ein Überholen und Überholt werden auf diesem Trail! Am Ende sind wir wieder zu dritt und treffen nach über 17 Meilen bei Trail Angel Mike ein. Er wohnt mitten im Nirgendwo in der Wüste und lässt jede Nacht ein paar Hiker bei sich wohnen. Und das Beste: Er macht Pizza für uns alle. Neben uns dreien sind noch sechs andere Hiker hier. Wir verteilen uns alle in Mikes Garten und schlafen bald ein.

Josee nimmt die Hängematte

Und weiter geht’s durch die Wüste! Die Blasen und die heißen Füße werden zur Gewohnheit. Jamie und ich werden „Blister Buddies“ und das Lüften der Füße zur Mittagspause wird zum Highlight des Tages.

Im Laufe des Tages trifft Lea aus der Schweiz zu uns. Die internationale Camp Crew ist perfekt! Wir starten den nächsten Tag mit einem Frühstück im Paradise Valley Café – für das wir sogar zwei Meilen Umweg in Kauf nehmen. Dann geht’s wieder in die Berge.

Wir schaffen wieder 18 Meilen, mit 1000 Höhenmetern, plus Umweg zum Café und Abstieg zu einer Wasserstelle. Die Schlafmöglichkeiten auf 2000 Metern sind rar und als wir zum Camp kommen, für das wir uns mit Lea und Josie verabredet hatten, können wir keinen Zentimeter weiter gehen. Der Platz hier ist so klein, dass Jamie und ich mal wieder auf die zeltlose Variante ausweichen – die beste Entscheidung wie sich nach Sonnenuntergang herausstellte. Denn auf unserem Felsen haben wir die beste Sicht auf Palm Springs bei Nacht! Wir in der Wildnis – und die merkwürdig leuchtende Zivilisation zu unseren Füßen.

Der Sonnenaufgang ist fast noch schöner! Heute packen wir unsere Sachen früh, denn Idyllwild, ein Hotelbett und die erste Dusche nach neun Tagen wartet auf uns. Es ist verrückt, wie schnell man sich an die Wildnis gewöhnt. Ich bin abends so geschafft, dass ich nichts mache außer essen und schlafen. Mein Buch habe ich schon lange in einer der Hikerboxen gelassen. Wir haben alle seit neun Tagen nicht geduscht und nicht in den Spiegel geschaut. Unsere Klamotten sind dreckig, wir stinken, alles ist voller Staub, meine Beine sind so dreckig, dass ich keine Sonnencreme mehr auftragen muss. Wir laufen, essen und schlafen. Und wisst Ihr was? Es fühlt sich gut an!


5 Gedanken zu “Tag 2,5-10 / Meile 42-178: Into the great wide open

  1. Hey Denise!
    Schon die ersten zwei Blogposts vom Trail sind umwerfend und spannend! Wir von Bluegrass Guerilla verfolgen deinen Blog und wünschen Dir viel Kraft! Die Trail Magic ist ja toll, toll wieviele Menschen einem wohlgesonnen sind und helfen.
    Keep on the sunny side of life, trotz deiner Blasen!
    Alles Gute, Simone

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  2. JAAA, Denise, das geht doch richtig gut an! Sehr spannend zu lesen, man spürt förmlich die Begeisterung, mit der du dabei bist … weiter so – hoffentlich bald blasenfrei!!!

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