Tag 51-56 / Meile 790-903: I won’t back down

Hey baby, there ain’t no easy way out.
Hey I will stand my ground.
And I won’t back down.“

Tom Petty

Wenn der PCT ein Computerspiel wäre, dann wären die High Sierras nicht etwa Level 2 – sie wären der Endgegner. Warum nur den Forester Pass besteigen, wenn man auch noch den Glen, Pinchot, Mather, Muir, Selden und Silver Pass überqueren kann? Tausende Höhenmeter jeden Tag, durch Schnee stapfen, über Felsen klettern, über Wurzeln stolpern. Und damit du deine Füße ab und zu abkühlen kannst, darfst du Flüsse und Bäche durchqueren, so ca. zehn pro Tag. Zugegeben, das hier ist die Ansicht der Denise, die um vier Uhr morgens vom Wecker geweckt wird, um sich bei Minusgraden aus dem Schlafsack zu schälen und auf den Weg zu machen. Also nochmal von vorne:

Nach einer Nacht in Bishop mit gerade genug Zeit, um unsere Aufgaben zu erledigen, machen wir uns auf zurück zum Trail und merken mal wieder wie vorteilhaft es sein kann, eine Frau zu sein – zumindest beim Anhalter fahren. Ruckzuck sind wir zurück am Trailhead und wandern die acht Meilen über den Kearsage Pass zurück zum PCT. Dort angekommen, nähern wir uns dem nächsten Pass so gut es geht und ziehen uns in unsere Zelte zurück. Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass die Sierras eine echte Härteprüfung werden. Wir haben sechs Passüberquerungen vor uns: sechs steile Anstiege, sechs Mal meilenweit über Schnee ziehen. Dazwischen geht es immer wieder hunderte bis tausende Höhenmeter runter, nur um dann wieder anzusteigen. Und als ob das nicht genug wäre, müssen wir immer wieder Flüsse durchqueren, haben also ständig nasse Füße (Nein, Schuhe an- und ausziehen lohnt sich nicht!).

Aber die Sierras zeigen sich auch versöhnlich: So schöne Landschaften wie hier habe ich selten gesehen! Es gibt glasklare Bergseen, wunderschöne Bergpanoramen, tolle Wälder und vor allen Dingen: Murmeltiere. Die flauschigen Dinger lassen sich von ein paar Hikern nicht aus der Ruhe bringen und recken uns immer neugierig ihre Köpfe entgegen.

Zurück zum Tagesgeschäft: Schon bald merken wir, dass nur eine Passüberquerung pro Tag möglich ist. Denn um sicher zu sein, muss der Pass früh am Morgen überquert werden, wenn der Schnee noch hart ist. Sonst rutscht er weg oder wir sinken ein – und das kann beides böse Folgen haben. Um möglichst früh auf den Pass zu kommen, verlassen wir unser Camp also schon um fünf Uhr morgens. Das heißt: Ich wache um vier Uhr auf.

Die ersten Stunden des Tages sind also immer die anstrengendsten. Und leider auch die, an denen wir die wenigsten Meilen schaffen. Die Stimmung ist angespannt. Wir versuchen alle einen sicheren Weg über den Schnee zu finden. Der Trail ist irgendwo darunter verschwunden.

Wenn wir es auf die andere Seite und aus dem Schnee geschafft haben, atmen wir auf. Die Anspannung fällt ab: Ein anderer Pass ist überlebt! Jetzt haben wir Zeit die Landschaft zu genießen.

Doch auch nur bedingt: Wir müssen so nah wie möglich zum nächsten Pass kommen. Das sind am dritten Tag nur zehn Meilen, am vierten und fünften Tag jedoch über 20! Wenn wir abends unsere Zelte aufschlagen, sind wir mehr als geschafft. Ich bin froh, wenn ich um halb sieben die Augen schließen kann.

Wer hat gesagt, dass Bäume immer senkrecht wachsen müssen?

Der Muir Pass – benannt nach dem berühmten Naturalisten John Muir – hat es noch einmal in sich. Hier liegen insgesamt sieben Meilen Schnee. Dank unserer Steigeisen laufen wir einfach querfeldein. Dennoch sind wir froh, als wir die Hütte auf der Spitze erreichen und noch froher, als wir den Schnee endlich hinter uns gelassen haben – um zehn Uhr morgens.

Am sechsten Tag machen wir einen Umweg zum Vermilion Valley Resort, kurz VVR. Wir brauchen neue Nahrung. Eine Fähre, ein kleines Motorboot, holt uns am Ende des Lake Edison ab und bringt uns direkt zum Resort. Hier gönnen wir uns ein großes Frühstück und decken uns mit Energieriegeln, Trockennahrung und M&Ms für den nächsten Tag ein. Morgen wollen wir bis zum Touristenort Mammoth Lakes kommen, wo wir einen Zero Day einlegen werden.

Die Anlegestelle

Wir sind so ambitioniert, dass wir beschließen den nächsten Pass, Silver Pass, noch an diesem Tag zu überqueren. Er ist nicht so hoch wie die anderen, wir erwarten also nicht so viel Schnee.

Vielleicht ist es unsere gewonnene Sicherheit oder die Routine – nach zwei Stunden Wegsuche und Geschlidder sind wir aus dem Schnee. Es ist bereits acht Uhr abends, aber wir sind froh, am nächsten Morgen keinen Pass überqueren zu müssen und gönnen uns direkt mal eine Stunde länger Schlaf.

Nach 20 Meilen erreichen wir Mammoth Lakes. Wir sind kaputt. Ich habe vermutlich die anstrengendste Woche meines Lebens hinter mir. Meine Beine sind nicht nur müde, sondern auch von Schnee und Felsen zerkratzt und schreien nach Erholung. Wir werden unser Bett morgen so wenig wie möglich verlassen!

Doch eines wird mir jetzt bewusst: Wir haben den härtesten Teil der Sierras, den Endgegner, geschlagen. Wir haben über ein Drittel des PCT hinter uns. Egal was jetzt noch kommt, ich bin bereit. I won’t back down!

Hier geht’s zum Video: https://youtu.be/jLCcOt-HmKM


Ein Gedanke zu “Tag 51-56 / Meile 790-903: I won’t back down

  1. Frau oooh Frau, was tust du dir da an?!?!?! Aber um so größer wird dein Stolz am Ende sein das alles geschafft zu haben. Weiterhin erfolgreiches „Durchbeißen“!

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