Tag 57-66 / Meile 904-1092: Kleiner Satellit

„Piep Piep, kleiner Satellit,

sag ihnen, dass es mich noch gibt.“

nach Blümchen

Wenn mich Jemand fragt, wie ich darauf gekommen bin, den PCT zu laufen, dann antworte ich meistens, dass ich mir auf meinen Touren in Europa immer gewünscht habe, dass es weiter geht und wilder wird. Und Weite und Wildnis sollte ich auf dem nächsten Abschnitt genug bekommen. Handyempfang? Weit gefehlt. Jeden Abend sende ich also eine Nachricht mit meinem Satellitenmessenger an meine Familie, damit sie wissen, dass es mir gut geht. Und jedes Mal denke ich mir dabei: „Piep, Piep, kleiner Satellit, sag ihnen, dass es mich noch gibt.“

Der Zero Day in Mammoth Lakes tut uns allen gut. Einen Tag nach uns kommt auch Couchpotatoe dort an und wir schauen zusammen Argentinien gegen Island, während wir gemütlich auf dem Sofa frühstücken. Auch solche Momente gehören zum Trail. Viel zu früh ist es jedoch wieder Zeit die – jetzt neuen – Wanderschuhe zu schnüren und zurück zum Trail zu laufen.

Am ersten Morgen zurück auf dem PCT bin ich müde. Ich hätte locker zwei Stunden länger schlafen können und frage mich, ob die Sierras nicht doch noch zu sehr in meinen Knochen stecken. Doch heute ist mein zweimonatiger Trailgeburtstag – und das gibt mir neuen Elan. Ich überquere zwei Pässe – den Island Pass (den ich zur Ehrung des isländischen Teams einfach Íslandpass umtaufe) und den Donohue Pass. Auf beiden liegt glücklicherweise nicht mehr so viel Schnee, der Anstieg ist trotzdem anstrengend.

Der Donohue Pass ist gleichzeitig die Grenze zum Yosemite Nationalpark. So weit sind wir schon gekommen. Wir zelten nach über 20 Meilen an einem Fluss direkt vor dem teilweise noch mit Schnee bedeckten Berg. Die Abendsonne scheint und ich entdecke einen Hirsch, der im See steht und sorglos trinkt. Ein kleines Paradies.

Doch Josee geht es nicht gut. Die Hälfte ihres Tages waren von Bauchkrämpfen begleitet, die so heftig waren, dass sie einen Besuch im Krankenhaus in Erwägung zieht. Mitten in der Nacht wache ich auf und muss meine Daunenjacke überziehen. Es ist kalt. Am nächsten Morgen sind unsere Zelte gefroren und nach dem Abbau fallen meine Finger fast ab. Ich versuche so schnell wie möglich zu wandern, damit ich mich aufwärme.

Es geht abwärts ins Tal und die nächsten zehn Meilen wandere ich auf flachem Terrain bis Tuolumne Meadows, wo sich nicht nur Tagestouristen, sondern auch eine Menge Hiker vor einem kleinen Laden tummeln. Ich treffe einige bekannte Gesichter wieder und kaufe Verpflegung für die nächsten Tage ein. Weiter geht’s durch den Nationalpark, weg von den Touristen und wieder in abgelegenere Gebiete.

Als ich am nächsten Tag aufwache, teilt Josee uns noch durch die Zeltwände mit, dass sie die neun Meilen bis zur letzten Straße zurück laufen und von dort ins nächste Krankenhaus fahren wird: Die Schmerzen haben sich nicht verringert. Ich höre, wie sie mit den Tränen kämpft – verständlich: Es ist schwer, die Trail Family voran ziehen zu lassen. Wir verabreden, dass sie uns einholen wird, umarmen uns und dann sind es nur noch Lea und ich. Handyempfang gibt es hier wie gesagt nicht – wir werden erst in einer Woche erfahren, was mit Josee los ist. Ein komisches Gefühl.

Wir ziehen also weiter, über gefrorene Wiesen am Morgen, trocknen unsere Sachen zur Mittagspause und treffen uns dann am Abend zum Campen wieder. So machen Lea und ich Meile für Meile. Am nächsten Morgen sind unsere Zelte ausnahmsweise mal nicht gefroren oder nass, also sind wir direkt gut gelaunt. Los geht’s – runter, rauf, runter, rauf. Man kann fast keine zwei Schritte normal gehen, immer muss man Steinen oder Pfützen ausweichen, auf Felsen klettern oder eben Flüsse durchqueren. Nach der Überquerung des Seavey Pass merke ich: Heute wird es hart. Lea und ich haben uns für Meile 984 zum Mittag verabredet und bis dahin zieht es sich gewaltig. Wir sind beide froh, als wir dort ankommen. Dann geht es weiter hoch und runter. Wir treffen immer wieder auf Gargoyle, Happy Feet und Surge, drei Jungs, die wir das letzte Mal in der Wüste gesehen hatten. Am Nachmittag treffe ich Gargoyle an einem See wieder, wo er in aller Ruhe einen John Muir Schinken liest. Er sei gerade erst schwimmen gewesen und das Wasser perfekt, also beschließe ich auch eine Runde im See zu baden. Und das war definitiv das Highlight des Tages. Ich wollte gar nicht mehr aus dem Wasser heraus. Als Lea und Surge ankommen, springen sie auch ins kühle Nass.

Leider tummeln sich an den Gewässern immer die Mücken und die nächsten zehn Meilen sollten sehr, sehr feucht sein. Lea und ich müssen mittendrin zelten. Um uns kreisen locker 70 Mücken, 150 sitzen auf meinem Zelt – und das ist kein Scherz. Wir sind so umzingelt, dass wir alle Vorsichtsmaßnahmen, was Bären betrifft, außer Acht lassen und unser Abendessen im Zelt zu uns nehmen. Zähneputzen lasse ich heute auch ausfallen – und denke mir zum ersten Mal: Wenn es so weitergeht, halte ich es nicht bis Kanada durch. Doch am kühlen Morgen sieht die Lage schon ganz anders aus und wir ziehen nahezu mückenfrei weiter.

Über den nächsten Pass und ins nächste Tal, wo wir die 1000 Meilen knacken! Zur Mittagspause sitzen wir dann gemütlich in der Sonne – bis uns Happy Feet entgegen kommt – nackt. Lediglich sein PCT-Bandana hat er sich vor den Allerwertesten gehangen. Ich frage ihn, ob es wirklich so heiß ist, doch er ruft zurück: „Heute ist doch Hike Naked Day!“ Wir brechen in Gelächter aus. Keine fünf Minuten später kommt der nächste nackte Hiker vorbei.

Dann steht der Anstieg zum Sonora Pass an, ein Pass, der es nochmal in sich haben sollte. Wir durchqueren ein großes, steiles Schneefeld, als uns Surge einholt – bekleidet wie Gott ihn schuf. „Nackt im Schnee! Das konnte ich mir nicht entgehen lassen.“, ruft er uns zu und hält seine Hand schützend vor das im Wind wehende PCT-Bandana.

Lea und ich zelten oben auf dem Pass, was sich als gute Entscheidung herausstellen sollte. Ich war komplett naiv natürlich der Meinung, dass es jetzt nur noch ein paar Meilen bergab geht und wir zum Frühstück in Kennedy Meadows North sind – und stocke, als ich am Morgen über den nächsten Hang steige: Alles ist verschneit. Ich stapfe immer wieder durch Schneefelder, die im Hang liegen. Die letzten Meilen mache ich – typisch Denise – nicht auf dem konventionellen Weg. Ich nehme eine vermeintliche Abkürzung und befinde mich auf einmal in der Mitte eines großen Tals auf einem Felsvorsprung. Links und rechts geht es meterweit steil bergab – und in der Ferne sehe ich den PCT, wie er sich entlang des Berges schlängelt, einmal drum herum, nicht steil bergab.

Meine Stimmung befindet sich irgendwo zwischen Wut, Genervtheit und Panik. Doch um die Abkürzung zurück zu gehen, bin ich zu stur. Ich suche also das Schneefeld, dass am ungefährlichsten aussieht und mache meinen alten Trick: Ich setze mich hin und rutsche runter. Ein paar waghalsige Momente später stehe ich wieder auf und stapfe durch Büsche und Bäche zurück zum Trail. Lea wartet schon auf mich an der Straße, die nach Kennedy Meadows North führt. „Ich hab genug von den Sierras“, sage ich nur und Lea stimmt sofort zu. So langsam darf der Schnee verschwinden.

Wir werden von einer sehr netten Amerikanerin bis zum Resort gefahren, wo wir erst einmal ein doppeltes zweites Frühstück bestellen. Dann duschen wir, waschen unsere Sachen, kaufen Resupply und ich kann endlich meinen Bärenkanister und die Steigeisen wegschicken. Im Nu ist der Rucksack wieder leicht und klein.

Ein paar Stunden später ziehen wir weiter. Der nächste Berg wartet und auch hier dürfen wir uns wieder eine Schlidderpartie antun. Als wir unsere Zelte aufschlagen, bin ich mehr als geschafft. Und da merke ich es: Mein Rucksack war doch etwas zu leicht und zu klein. Ich habe meine Daunen- und meine Regenjacke im Kennedy Meadows Resort vergessen. Im ganzen Packwahnsinn habe ich sie aus den Augen verloren – und vor lauter Freude über den losgewordenen Bärenkanister, habe ich nicht gemerkt, dass was fehlt. Doch zurück über den Schnee bringen mich keine zehn Pferde. Ich fluche und ärgere mich – und dann rufe ich mir etwas isländische Gelassenheit ins Bewusstsein und hoffe, dass Jemand, den ich kenne, vielleicht meine Sachen mitbringt. Immerhin bekomme ich am nächsten Morgen die Fleecejacke von Boy Scout geliehen und muss die nächsten Tage nicht frieren.

Und noch eine positive Überraschung kommt am Nachmittag. Ich sehe Gargoyle, Surge und Happy Feet mit zwei anderen Hikern zusammen stehen, die ich noch nicht kannte. Plötzlich bieten sie mir Getränke, Obst und Snacks an. Moment mal… ist das etwa? Ja richtig! TRAIL MAGIC! Annie und Ryan sind sieben Meilen über einen Schotterweg gefahren und zwei Meilen mit 50 kg Gepäck zum Trail gewandert – nur um uns etwas Gutes zu tun! Ich nehme eine eiskalte Cola und beiße in eine Wassermelone. Unglaublich! Die erste Trail Magic seit der Wüste. Ich habe fast vergessen wie gut das tut!

Und es sollte noch besser kommen: Am nächsten Morgen überquere ich die erste Straße seit Tagen und werde von John, Alan und Heather mit einem riesen Frühstücksbufett empfangen. Die drei verbringen vier Tage die Woche hier und füttern uns Hiker durch. Jetzt merke ich erst wie hungrig ich bin. Erst nach drei Scheiben Schoko-Bananenbrot, zwei Portionen Obstsalat, einem Scone, zwei Portionen Haferkuchen, einem Becher Kakao und einem Stück Oreo Cheesecake setzt so etwas wie ein Sättigungsgefühl ein. Das erlebt man nur auf einem Thruhike! Wir verabschieden uns mit einer Umarmung von diesem sagenhaften Ort und ziehen weiter.

Am Abend sitzen wir mit Gargoyle, Surge und Happy Feet zusammen, als zwei Hiker uns entgegen kommen und berichten, dass sie vor zehn Minuten einen großen Bären gesehen haben. Plötzlich vermisse ich meinen sperrigen Bärenkanister doch. Glücklicherweise hängt Happy Feet mein Essen zusammen mit seinem vier Meter über dem Boden in einen Baum. „Schnur kaufen“, schreibe ich mir auf meine imaginäre Einkaufsliste.

Dazu sollte ich schon bald kommen: Wir erreichen South Lake Tahoe am nächsten Tag. Ein ehemaliger PCT Hiker nimmt uns in seinem Auto mit und zwei Stunden, nachdem wir unser Motelzimmer bezogen haben, stößt Josee zurück zu uns! Die Freude ist riesig, endlich wieder vereint zu sein. Ihre Krämpfe waren nicht weiter schlimm, sodass sie sich schon einen Tag später auf die Aufholjagd machen konnte – und uns dann mit 30-Meilen-Tagen schnell eingeholt hat.

Der letzte Monat war so hart, dass wir in South Lake Tahoe einen Double Zero einlegen. Also einfach mal zwei Tage nicht wandern! Auf unserer PCT-Koordinations-App ändern wir jetzt die Karten. Wir sind jetzt nicht mehr in den Sierras – wir sind in Northern California. Teil 3 des PCT start’s now!

Und wie immer – hier das Video: https://youtu.be/gvNP3B-e4vY


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