Tag 67-79 / Meile 1093-1331: Ein Heimatlied

„Denn hier bist du Mensch, hier darfst du’s wirklich sein.
Und das Schöne daran, ist dass ich’s jeden Tag sehen kann,
und das Schöne daran, ist dass ich’s jederzeit bewundern kann,
und das Schöne daran, ist dass es all das täglich für mich gibt!
Wer hätte das gedacht? – Es ist der PCT.“

Nach Sportfreunde Stiller

Unser erster Double Zero! Zwei Tage Zeit, um zu entspannen und viiieeel zu essen. Lea und ich gehen ins Kino und ziehen uns Jurassic World und (jeweils) einen großen Eimer Popcorn rein. Außerdem kaufe ich zehn Meter Schnur, um meine Vorräte vor den Bären in Sicherheit bringen zu können, lasse die Spitzen meiner abgenutzten Trekkingstöcke austauschen und mache mich auf die Suche nach einer neuen Regen- sowie Daunenjacke – denn nein, leider habe ich meine Jacken nie wieder gesehen und auch nichts von ihnen gehört. Nachdem ich alle Läden in South Lake Tahoe abgeklappert habe, stelle ich frustriert fest, dass die Regenjacken alle zu schwer und die Daunenjacken extrem teuer sind. Also kaufe ich erstmal – Frauenlogik – ein neues Wandershirt und neue Shorts. (Mein altes Shirt lief beim Waschen immer ein und die Shorts waren mir mittlerweile viel zu groß geworden.) Den Rest bestelle ich später im Internet.

Ab in den Müll

Leider erfahre ich, dass Couchpotatoe und Chips, die zusammen mit Trailbuddy Red unterwegs war, den PCT hier verlassen haben. Doch Josee, die uns ja wieder einholen musste, kommt mit guten Nachrichten: Sie hat Jamie getroffen und berichtet, dass er ein paar Trail Zeros macht, bevor er eine Woche Pause in South Lake Tahoe einlegen wird, um seine Frau zu treffen. Er hat uns also letztendlich eingeholt. Ich schreibe ihm und wir verabreden uns zum Mittagessen am Lake of the Woods, ein paar Meilen nördlich und eine Meile abseits vom PCT. Das Verlassen der Stadt fällt mir also nicht schwer und ich bin froh, die Motorengeräusche der Autos hinter mir zu lassen. Zu meiner Überraschung wartet Jamie nicht am See, sondern an der Wegabzweigung und baumelt gemütlich in seiner Hängematte. „Ich wusste nicht, ob du mich am See finden würdest!“ Die Wiedersehensfreude ist groß, immerhin haben wir uns seit ca. 900 Meilen nicht mehr gesehen. Auch ein selbst gebackener Muffin steht schon für mich bereit. Wir sitzen also zusammen und erzählen uns, wie es uns auf dem Trail so ergangen ist. Jamie berichtet, dass er für 150 Dollar eingekauft und gestern bis ein Uhr morgens Knödel vorbereitet habe. Außerdem habe er drei Liter Rotwein unten am See – und eine Luftmatraze. Damit hat er mich. Wir warten, bis Lea und Josee vorbei kommen, damit ich ihnen Bescheid sagen kann, dass ich bleibe und machen uns dann auf zum See.

Den Rest des Tages dümpeln wir auf der Luftmatratze in Form eines Pizzastücks auf dem See herum (O-Ton: „Hätte ich etwa den pinken Flamingo holen sollen?“), lassen uns auf einem Felsen trocknen (natürlich hat man als PCT-Hiker kein Handtuch dabei), braten die nach altem Familienrezept gemachten Knödel (Jamies Vorfahren kommen aus der Schweiz) und trinken dabei Wein. Lange nach Hiker-Midnight gehen wir ins Bett und ich schlafe wie ein Baby.

Als ich aufwache, höre ich wie Jamie das Essen aus dem Baum holt. Wir trinken noch einen Kakao und essen Rührei mit Würstchen und English Muffin zusammen, dann muss ich aufbrechen. Die Mädels sind schon einige Meilen weiter. Wir verabreden mit einem Augenzwinkern, dass wir uns in 900 Meilen wiedersehen und dann laufe ich zurück zum Trail.

Gestärkt von nun fast DREI Zero Days und einer Menge guten Essens, laufe ich Meile um Meile. Ich will ja auch meine Trail Family wieder einholen. Außerdem wandere ich durch eine der schönsten Landschaften auf dem Trail – blaue Seen, Schnee in den Bergen und sonnige Wälder. Am Abend habe ich 29 Meilen gemacht und bin immer noch so voll, dass ich auf’s Abendessen verzichte und direkt im Schlafsack verschwinde.

Am nächsten Tag hole ich Josee und Lea zur Mittagspause ein und wir freuen uns, endlich wieder zu dritt zu sein. Auch Gargoyle, Happy Feet und Red treffe ich am Tag darauf wieder – so ist das auf dem Trail: Menschen tauchen einfach wieder auf. Schon bald sollten wir in den alten Gold Rush Ort Sierra City kommen, wo uns ein Resupply Paket erwartet, dass wir von South Lake Tahoe aus geschickt hatten. Ich wandere um 6:30 Uhr los und genieße den stillen Morgen im Wald. Plötzlich sehe ich einen dicken, braunen Bärenhintern hinter einem Baumstamm verschwinden. War das gerade mein erster Bär?, frage ich mich. Doch bevor ich mir darüber bewusst werde, wird die Frage von allein beantwortet: Der Bär steht ein paar Meter weiter mitten auf dem Trail. Er schaut mich an. Da ich aus seiner vorherigen Reaktion weiß, dass er Angst vor mir hat, bin ich gelassen. „Hau ab!“, rufe ich ihm zu und als ich näher komme, rennt er tatsächlich weg. Allerdings rennt er nur etwas weiter den Trail herunter und bleibt wieder stehen, um mich neugierig anzusehen. „Geh weg!“, rufe ich. Das Spiel wiederholt sich drei Mal, bis er endlich im Wald verschwindet. Erst jetzt merke ich, wie hoch mein Puls schlägt. Mein erster Bär!

Wir zelten hinter der Methodist Church

Josee ist schon da, als ich in Sierra City ankomme, doch Lea lässt lange auf sich warten. Viel zu spät springt sie schließlich aus einem Truck, der sie als Anhalter mitgenommen hatte. Ich sehe, dass sie Tränen in den Augen hat. „Leute, ich glaube das war’s!“ Ihre Fußverletzung hat sich niemals ganz erholt und heute war sie dann so schmerzhaft, dass Lea die 20 Meilen bis Sierra City nur humpeln konnte. Zum Glück hatten Josee und ich ihr bereits einen Burger bestellt und mit vollem Magen sah die Lage dann doch etwas besser aus. Dennoch: Lea wird morgen nicht weiter wandern und Josee, die auf einen Freund wartet, beschließt ebenfalls mindestens einen Zero einzulegen. Ich bin hin und her gerissen, doch ich muss Anfang September in Kanada sein. Also beschließe ich am nächsten Morgen alleine weiter zu laufen – und werde sehen, wann die anderen mich einholen.

Es geht hoch in die Berge, dann wieder runter ins Tal. Ich kann mir meine Tage ganz allein strukturieren und bin anfangs etwas überfordert damit. Besonders der 4. Juli, der amerikanische Nationalfeiertag, ist extrem einsam auf dem Trail. Die meisten Amerikaner sind in irgendeinem Ort, um Familie und Freunde zu treffen. Den ganzen Tag lang begegne ich nur fünf Menschen, die ich alle nicht kenne. Am nächsten Tag treffe ich Pants, einen Schweden, den ich in Sierra City kennen gelernt habe und kann immerhin mal wieder mehr als „Hey, how are you?“ sagen.

Warm ist es geworden. Mein neuster Trick gegen die Hitze ist es, mein Shirt in einem der Flüsse oder Bäche zu waschen und dann einfach nass wieder anzuziehen. Das kühlt immerhin für eine halbe Stunde. Nach einem weiteren, anstrengenden Anstieg komme ich am „Lookout Rock“ an und lerne Elena, Pizzabeans (hat ein Rezept erfunden, dass Bohnen nach Pizza schmecken lässt) und Hashbrowns kennen. Sie haben gerade mit den Trail Angels Nancy und Terry telefoniert und fragen mich, ob ich denn nicht mit dorthin kommen wolle. Warum nicht?, denke ich und zusammen machen wir uns auf den Weg. Nancy und Terry haben ein riesiges Sommerhaus im Wald und laden uns Hiker zu grandiosem Essen, zum duschen und übernachten ein. Auch Pants ist dort, außerdem fünf Jungs aus Israel – das Team „Nonchalant“.

Vor meinem Aufbruch reihe ich mich mit einem Polaroidbild in die Hall of Fame der Hiker ein. Mein nächster Stop heißt Quincy, wo ich mir den Bauch beim All-you-can-eat Pizzabufett voll schlage. Ich bin gestärkt für den nächsten Tag. Nachdem ich auf 2100 Metern gezeltet habe, geht es erst 1500 Meter in die Tiefe, bevor es ebenso viele wieder hoch geht – bei 30 Grad. Im Wald treffe ich auf Pants, der Zuflucht vor der Hitze sucht. Für eine Weile sitzen wir zwei Eisbären dort apathisch zusammen, dann raffe ich mich für die letzten fünf Meilen auf. Am Ende des Tages bin ich 26 Meilen, knapp 42 Kilometer gelaufen. Noch vor zwei Monaten hätte ich das nicht geschafft.

Mittlerweile habe ich mich an das alleine laufen gewöhnt und koste die Vorteile davon aus. „Ich mach mir den Trail widde widde wie er mir gefällt.“ Wirklich alleine bin ich auch nicht: Ich treffe jeden Tag bekannte Gesichter. Und dann ist es soweit – Ich erreiche den Midpoint. Bergfest! 1325 Meilen bin ich jetzt gelaufen. Der Trail und all die Menschen, die zu ihm gehören, sind mein Zuhause geworden. Der Zusammenhalt, wenn du Jemanden begrüßt, nur weil du erkennst, dass ihr beide PCT-Hiker seid, und die Hilfsbereitschaft der Trail Angels und Locals sind unglaublich. Im Zelt schlafe ich mittlerweile besser als im Hotelbett und solange ich auf dem Trail bin, fühle ich mich sicher. Der PCT: Meine 60 cm x 4270 km Heimat.

Die letzten Tage im Video: https://youtu.be/NzwgDE5NsHE


4 Gedanken zu “Tag 67-79 / Meile 1093-1331: Ein Heimatlied

  1. Hey Didi. Was für tolle Naturaufnahmen von Flora, Fauna und Tierwelt. Ich hätte total Schiß, wenn mir ein Bär begegnen würde!!!
    Ich wünsche dir dass die 2. Hälfte weiterhin viel Erfolg und so tolle , nette Bekanntschaften wie bisher. Pass auf dich auf, ich freu mich auf unser Wiedersehen. Liebe Grüße, Mummy😗

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  2. Hallo Denise, wir verfolgen Deine Beiträge mit großem Interesse. Wirklich sehr eindrucksvolle Berichte und Bilder. Der Bär war war Gott sei Dank nicht von Dir angetan. Wir wünschen Dir auch weiterhin viel Freude für die zweite Hälfte der Tour.

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  3. Hallo Denise, auch im Krankenhaus und um zwei Tumore erfolgreich erleichtert liest sich Dein Bericht wieder mal sehr spannend und ist mir eine mehr als willkommene Abwechslung! Super Landschaften mal wieder!!!
    Alles Gute für die zweite Hälfte und weiterhin eisernen Durchhaltewillen!!!

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