Tag 106-111 / Meile 1822-1984: L.I.F.E.G.O.E.S.O.N.

„L.I.F.E.G.O.E.S.O.N.
What you don’t have now will come back again.
You’ve got heart and you’re going your own way.“

Noah and the Whale

Für viele Hiker ist Oregon der unbeliebteste Teil des PCT. Zwar geht es nicht so viel auf und ab – was uns dazu verhilft viele Meilen zurückzulegen – aber dafür laufen wir viel im Wald und die Aussichten sind nicht so grandios wie in den High Sierras. Dennoch gibt es auch hier ein paar Highlights, wie z.B. den Crater Lake.

Der Vulkansee ist über 500 Meter tief und normalerweise tiefblau. Als Red und ich daran vorbei ziehen, liegt der See jedoch im dichten Rauch, sodass wir nicht mal sein Ende erkennen können. Auch das hat seinen eigenen Charme.

Unser kleines Grüppchen hat sich mittlerweile gut eingespielt und wir haben viel Spaß miteinander. Red ist großer Fan der deutschen Sprache, was ich natürlich zum Anlass nehme, ihm ein paar Sätze beizubringen (von „Guten Tag liebes Fräulein“ bis „Jo Alter, was geht?“). Und auch ich lerne immer noch dazu, z.B. eines von Reds Lieblingsworten: „obnoxious“ (z.dt.: abscheulich/widerwärtig). Auf einmal wird alles „obnoxious“ – der nächste Anstieg, die Mücken, unsere stinkenden Socken.

Als Red eines Tages in unserer PCT-App forscht, entdeckt er den sogenannten „OST“, einen Trail, den man anstelle des PCT nehmen kann, was aber kaum Jemand tut. Wir fragen uns, wofür „OST“ wohl steht – und nach einer Weile finde ich natürlich die passende Antwort: Obnoxious Side Trail! Zur Mittagspause treffen wir MacGyver und Stuckontheground, die allerdings vom „Oregon Skyline Trail“ sprechen. „Achso!“, lachen wir. Aber Obnoxious Side Trail gefällt uns so gut, dass wir den Namen einfach beibehalten.

Man merkt, dass wir uns langsam dem Ende des PCT nähern. Alle Hiker haben mittlerweile einen Plan, zumindest eine ungefähre Vorstellung, wann sie in Kanada sein möchten oder müssen. Stuckontheground wird noch einmal ihre Freunde treffen und Red muss sogar schon Ende August fertig sein, weil seine Eltern sich spontan zum Besuch angekündigt haben. Ich weiß also, dass unser Team nicht für immer bestehen kann und genieße einfach die Zeit so wie sie ist.

Als wir schließlich an der Abzweigung PCT/OST ankommen, stelle ich fest, dass mein Handy so gut wie keinen Akku mehr hat – und auch meine Powerbank ist komplett leer. Glücklicherweise befinden wir uns an einem Watercache, wo ein paar Powerbanks zur freien Benutzung ausliegen. Ich versuche also meinen Akku bis zum nächsten Stop aufzupäppeln, während Red mit Verwunderung feststellt, dass es schon August geworden ist. Als wir weiter wandern, berichtet er mir, dass er langsam Panik bekommt und mehr Meilen schaffen muss. Schweren Herzens verabschieden wir uns voneinander und dann düst er davon. Ich lege vier deprimierte Meilen zurück und bin gerade dabei mein Zelt auf der Spitze eines Berges aufzuschlagen, als MacGyver sich zu mir gesellt. Als ich mein Handy mit ihrer Powerbank aufladen will, merke ich, dass ich mein Ladekabel am Watercache vergessen habe. „Neeeeeeein!“ Ich überlege gerade, ob ich die vier Meilen hin und zurück ohne Rucksack düsen soll oder ob ich zurück laufe und unten zelte, als Stuckontheground dazu stößt. Glücklicherweise hilft es, dass sich die zwei mit mir ärgern – und Stuckontheground kommt sogar auf die grandiose Idee, dass ich mit dem OST sieben Meilen des PCT abkürzen kann – was in etwa der Strecke entspricht, die ich umsonst gegangen bin. Ich entschließe also am nächsten Morgen wieder bergab und dann den Obnoxious Side Trail zu laufen. Leider müssen auch Stuck und ich uns dann verabschieden – und jetzt ist die Stimmung richtig am Boden. Zum dritten Mal muss ich meine Trailbuddies verlassen. Doch auch das gehört zum PCT.

Am nächsten Morgen hetze ich die vier Meilen zum Watercache zurück, schnappe mein Ladekabel und stapfe zum Obnoxious Side Trail. Da mein Akkustand bei fünf Prozent liegt, habe ich die wichtigsten Wegpunkte einfach auf einen Zettel gekritzelt. Auch die Tatsache, dass ich die ersten sieben Meilen neben den noch frischen Spuren eines Pumas entlanglaufe, steigert mein Sicherheitsgefühl nicht gerade.

Aber alles geht gut – und nach 21 Meilen kann ich mein Resupply Paket am Nachmittag im Shelter Cove Resort entgegen nehmen – so wie geplant. Als ich um die Ecke biege, sehe ich Red am Tisch sitzen. „Ich komme einfach nicht los“, lacht er. „Dann kannst du auch auf mich warten“, sage ich und stecke endlich mein Handy und meine Powerbank in eine Ladestation. Wir pausieren noch zwei Stunden vor dem Resort und wandern wieder einmal zusammen los. „Morgen haust du rein!“, sage ich zu Red, schließlich will auch ich, dass er sein Ziel erreicht. Wir campen ein letztes Mal zusammen und am nächsten Morgen zieht er alleine los – ich wappne mich für die nächste Etappe, die ich auf mich alleine gestellt sein werde.

Ich laufe immer noch 30 Meilen pro Tag und meine Füße schmerzen mal wieder bei jedem Schritt. Auch das Lüften zur Mittagspause hilft nur noch bedingt. Ich plane also einen Tag Ruhe einzulegen, den ich dann auch gleich nutzen kann, um die ersten Resupply-Pakete für Washington vorzubereiten. Bis ich in Bend ankomme, humpel ich durch die schönsten Lava-Landschaften. Oregon hat doch tatsächlich mehr zu bieten, als es sein Ruf erahnen lässt.

Und so gehen wir alle unseren Weg. Bald sind wir in Washington, demnächst hoffentlich in Kanada. Und wenn ich mal wieder sehnsüchtig an meine Trail Family denken muss, rufe ich mir gleich das PCT-Motto in Erinnerung: H.Y.O.H. – Hike your own hike. Die einzige Person, die mich zum Ziel bringen kann, bin ich selbst!

Hier das Video der Tage 97-111 zusammengefasst: https://youtu.be/FR-9wbaCyxo


4 Gedanken zu “Tag 106-111 / Meile 1822-1984: L.I.F.E.G.O.E.S.O.N.

  1. Mensch Denise mittlerweile bin ich jede Woche gespannt auf deinen Bericht aus den US und A. Coole Bilder und echt schöne Berichte die du da postet. Schöne Grüsse aus Köln.

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  2. Hallo Denise,

    jetzt bist Du schon bald am Ziel und ich schreibe Dir das erste Mal. Was für ein „bärenstarkes“ Abenteuer für Dich.
    Ich lese Deine wunderbaren Reiseberichte bzw. Reise-Krimis hin und wieder bei Deiner Großmutter Ilse. Man kann wirklich süchtig werden. Ob es wohl später ein Buch von Deinen gesammelten Tagesgeschichten gibt ???
    Für den Rest des Weges alles, alles Gute und viel Glück. Deine Familie kann Deine Rückkehr kaum erwarten.

    Viele liebe Grüße von Monika aus dem Hufer Weg.

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