Tag 97-105 / Meile 1600-1821: With a little help from my friends

Oh, I get by with a little help from my friends.
Mm, get high with a little help from my friends.
Oh, I’m gonna try with a little help from my friends.“

The Beatles

Als ich in Etna ankomme, fühle ich mich ausgelaugt. Ich möchte meine Ruhe haben und buche eine komplette Airbnb-Unterkunft für mich alleine. Fast, denn Flora (Josee) hat sich angekündigt und bringt Rocketman mit, einen anderen Franko-Kanadier, den sie vor kurzem kennen gelernt hat. Ich freue mich sehr sie nach der ganzen Zeit wieder zu sehen. Doch sie ziehen am nächsten Tag schon weite. Ich hingegen mache einen Zero Day und bleibe im Bett liegen. Darauf hatte ich mich die ganze Zeit gefreut, doch nun fühle ich mich leer, besonders nach den schönen Telefonaten mit meiner Familie und meinen Freunden. Als ich am nächsten Tag aufwache, tun meine Füße noch mehr weh als am Vortag. Auch das drückt auf meine Stimmung. Sie fühlen sich wie ein abgenutzter Radiergummi an und meine Zehen sind schon seit Wochen taub. Ich habe das Gefühl, dass diese Schmerzen nie mehr weggehen werden. Hinzu kommt, dass ich die Lust am Essen verloren habe. Ich kann kein Trail Food mehr sehen und will auch kein Restaurantessen mehr… Komischerweise habe ich von vielen Hikern gehört, dass sie auch genau in dieser Phase einen Tiefpunkt hatten. Ich beschließe also, dass ich zurück auf den Trail muss, um mich wieder aufzumuntern.

Sonntag Mittag geht es los und mir geht es tatsächlich direkt besser. Jetzt habe ich wieder mein Ziel vor Augen. Ich laufe 19 Meilen und zelte im Wald. Am nächsten Tag lege ich 31 Meilen zurück. Es ist ein langer Tag, an dem ich fast niemanden treffe. Doch als ich am Abend am Campground ankomme, sehe ich eine größere Menschengruppe. „Icebear!“, ruft Jemand. Es ist Red. Wir kennen uns bereits seit der Wüste und haben uns in Kennedy Meadows angefreundet – und sind uns eben immer mal wieder unterwegs begegnet. Froh darüber, dass ich ein bekanntes Gesicht sehe, setze ich mich dazu und packe mein Abendessen aus: trockene Tortillas. Wie gesagt: Ich habe in den letzten Tagen den Appetit verloren und in der Hitze auch wenig Lust zu kochen. Doch nun ziehe ich mitleidige Blicke auf mich und bekomme von allen Seiten Essen angeboten bzw. aufgezwungen. So wird meine Mahlzeit doch noch etwas spannender.

Am nächsten Tag werden wir Seiad Valley erreichen – den letzten Ort in Kalifornien. Und seit Tagen hört man Diskussionen auf dem Trail – denn Oregon brennt. Die Blitze, die ich vor ein paar Tagen gesehen habe, haben im ganzen Umland Brände ausgelöst. Gleich hinter der Grenze wütet ein Waldbrand, was zur Folge hat, dass der PCT dort für 13 Meilen gesperrt ist. Um diese Fire Closure zu umgehen, gibt zwei Möglichkeiten: ein 20 Meilen langer Umweg oder die Strecke von Seiad Valley bis Ashland zu überspringen. „Was planst du?“, fragt mich Red. „Ich weiß es noch nicht.“, zucke ich mit den Schultern. „Erstmal im Valley ankommen und dann schauen.“ Wir beschließen uns zusammen zu tun und beratschlagen am nächsten Morgen über einem großen Pancake-Frühstück im Seiad Valley Café.

Um uns herum befinden sich rund 30 Hiker – und alle diskutieren. „Man soll den Umweg auf keinen Fall alleine machen, da man sich dort leicht verlaufen kann.“ – „Einige Leute sind wohl wieder zurück gekommen.“ – „Es wird vermutlich richtig, richtig heiß.“ – „Es wird sich wie im Rauch eines Lagerfeuers anfühlen – nur 30 Meilen lang.“ Das sind die Stimmen, die wir hören. Während wir also am Tisch sitzen und versuchen, uns zu entscheiden, hitchen immer mehr Hiker aus dem Dorf, um das Stück bis Ashland zu überspringen. Da kommt Omri aus Israel um die Ecke: „Lauft ihr?“ – „Wir möchten eigentlich“, antworte ich, „aber die meisten raten davon ab.“ Er lacht und wendet sich an die Amerikaner: „Ich möchte hier ja Niemanden beleidigen, aber…“, dann dreht er sich zu mir: „…Amerikaner übertreiben gerne.“ Ich muss lachen und denke zurück an die Sierras, wo man uns auch das Gefühl gab, auf jeden Fall zu sterben, wenn man keine Eisaxt dabei hat. Red überlässt mir die Entscheidung. Und dann denke ich mir: Ich bin nicht 1700 Meilen durch Kalifornien gelaufen, um die Grenze nach Oregon zu überspringen. „Lass uns gehen“, sage ich zu Red und merke durch sein Grinsen, dass das die richtige Antwort war. Ich bin guter Dinge: Red war fünf Jahre lang in der Army und hat das Navigieren in allen Facetten gelernt. Was soll mir also passieren?

Zur Mittagszeit brechen wir auf und legen den 1400 m hohen Anstieg aus dem Tal bei 40 °C zurück. Es ist vermutlich der heißeste Tag des Jahres und der Schweiß läuft mir den ganzen Körper hinab. Wie lange soll es noch so heiß sein?

Am nächsten Tag sitzen Red und ich gerade zur Mittagspause zusammen, als er bemerkt, dass wir genau an unserem 100. Tag in Oregon ankommen. Wir beide sind nämlich auch am selben Tag in Campo gestartet, damals im April. Ich bin verwirrt, denn nach meiner Zeitrechnung war erst Tag 95. Doch tatsächlich: In meinem Tagebuch finde ich einen Tippfehler, der die Verwechslung zur Folge hatte. „Na toll“, lache ich. „Jetzt bin ich mit einem Mal fünf Tage langsamer.“ Schon vier Meilen vor der Grenze fängt Red an zu jubeln. „Ich übe“, sagt er und macht schnelle Schritte Richtung Oregon. Und dann sind wir da. Nach fast 1700 Meilen in Kalifornien habe ich endlich Oregon erreicht!

Vier Meilen hinter der Grenze beginnt die Fire Closure. Als wir dort ankommen, finden wir einen Zettel, auf dem steht, dass der Umweg ein Labyrinth sei („It’s a maze!“), man nur in Gruppen und mit guten Navigationsfähigkeiten losziehen soll und dass die PCTA zur Umkehr rate. „Panischer hätte das ja nicht formuliert sein können“, stellt Red fest. Das stimmt. Wir finden das ein wenig lächerlich und ziehen los auf die Schotterstraßen, die den Umweg bilden. Rauchig ist es fast gar nicht und die vorigen Hiker haben an jeder Abbiegung einen Pfeil aus Ästen auf den Boden gelegt. Es ist, um es kurz zu machen, sehr sehr einfach. Da wir auf breiten Straßen gehen, können wir sogar nebeneinander laufen und quatschen die ganze Zeit munter vor uns her. Auf die Karte gucken wir nur, um festzustellen, wie lange wir noch brauchen.

Nach 20 Meilen sind wir schließlich wieder auf dem PCT – ohne Rauchvergiftung und ohne verloren gegangen zu sein. „Ihr werdet sterben“, sagt Red und verdreht die Augen. „Geht den Weg nur, wenn ihr einen Masterabschluss in Navigation habt“, füge ich hinzu. Wir gucken uns an. „It’s a maze!“, rufen wir gleichzeitig und brechen in Gelächter aus. Und in diesem Moment merke ich, dass ich meine Traildepression hinter mir gelassen habe. Am Ende, denke ich mir, kommt es nicht auf die Meilen oder die gelaufene Zeit an. Am Ende geht es nur um die Menschen, die man um sich hatte.

Das wird mir auch bewusst, als ich die traurige Nachricht erhalte, dass Cheerio (Lea) den Trail aufgrund ihrer Fußverletzung letztendlich verlassen musste. Wir sind immerhin den halben PCT zusammen gewandert und haben Höhen und Tiefen miteinander überstanden. Cheerio, ich weiß, dass du das hier liest: You are one badass woman! Ich denke an dich!

Zurück auf dem Trail, geht Red vor – und was mache ich? Ich verlaufe mich erstmal! Eine Weile später treffe ich bei der Callahans Lodge ein, wo Red bereits mit einem Trail Angel an der Bar sitzt. PCT-Hiker bekommen hier nämlich ein Bier geschenkt. „Du kannst mich nicht einfach alleine lassen!“, lache ich und setze mich völlig fertig dazu. Da kommt die nette Rezeptionistin vorbei: „Wir haben momentan einen Gast, der euch Donuts spendiert. Er möchte aber anonym bleiben.“ Dankbar nehmen wir auch das Gebäck entgegen. Es ist immer wieder schön, wie viele gute Menschen man auf dem Trail trifft.

Der Trail Angel fährt uns zum Hostel nach Ashland, wo wir auch Flora und Omri wieder treffen. Zu viert verbringen wir den Abend im Waschsalon, wo wir kichernd vor der Wäschetrommel stehen und beobachten, wie sich das Wasser in Sekunden dunkelbraun färbt. Am nächsten Morgen gehen Omri, Red und ich einkaufen und ich kaufe zum ersten Mal seit drei Wochen wieder was zum kochen. Der Appetit kehrt also auch zurück.

Am Nachmittag fahren Red und ich zurück zum Trail, aber nicht, ohne vorher meine neuen Schuhe abzuholen. Die alten waren so durchgelatscht, dass ich am Ende jeden Stein gespürt habe. 800 Meilen auf den Sohlen sind genug!

Wir laufen gemütliche 10 Meilen und treffen am Abend auf Drippy, Stuckontheground und MacGyver, die ich seit unserem Camp Britton Ausflug nicht mehr gesehen hatte. Die Wiedersehensfreude ist groß und so cowboycampen wir alle zusammen auf einem Felsen mit Aussicht auf den rot-verrauchten Sonnenuntergang Oregons.

Auch am nächsten Tag geht es rauchig weiter, was leider die zahlreichen Mücken nicht davon abhält, auf Hikerjagd zu gehen. Red, Stuckontheground, MacGyver und ich legen alle das selbe Tempo ein und laufen die nächsten Tage mehr oder weniger zusammen. Nach nur drei Tagen kommen wir im Mazama Village an, einem großen Campingplatz kurz vor dem Crater Lake. Ich laufe mittlerweile jeden Tag rund 30 Meilen ohne Probleme und fühle mich wieder pudelwohl. Alles dank … a little help from my friends!

Und das Video der Tage 97-111 zusammen: https://youtu.be/FR-9wbaCyxo


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