Tag 112-121 / Meile 1985-2229: Colors of the wind

„Komm renn mit mir im Schattenlicht der Wälder
Probier die süßen Beeren dieser Welt
Komm wälze dich in ihrer reichen Vielfalt
Und du merkst, dass im Leben dir nichts fehlt.“

Aus Pocahontas

Der Weg nach Bend ist etwas kompliziert, weil ich vom Trail erst ins zwölf Meilen entfernte Sisters und dann 20 Meilen weiter nach Bend fahren muss. Als ich gerade in Sisters stehe und den Daumen herausstrecke, fährt eine schicke Frau in einem teuren Wagen vor. „Die hält bestimmt nicht an“, denke ich mir und bin umso überraschter, als das Auto stoppt und ein Fenster heruntergefahren wird. Kurze Zeit später fühle ich mich – sieben Tage ohne Dusche, zehn Tage ohne Wäsche – auf den neuen Ledersitzen etwas fehl am Platz. Doch Francine will alles über mein Abenteuer wissen und wir unterhalten uns gut. Als sie vor meinem Hotel zum Stehen kommt, dreht sie sich zu mir. „Denise, you made my day!“ Und dann erzählt sie mir mit Tränen in den Augen, wie mutig sie mich findet. Typisch Amerikaner, kann man denken – immer so emotional, doch irgendwie freue ich mich über ihre Worte.

Als ich am Tag darauf zurück fahren will, stehe ich erst einmal 45 Minuten vor rasenden Autos, bis endlich eines anhält. Der Fahrer, Chris, erinnert mich an meinen Vater und ist ebenso neugierig auf meine Berichte. Obwohl er nur nach Sisters muss, fährt er mich die zwölf Meilen bis zum Trail und ich kann wieder mit dem guten Gefühl starten, dass es so unglaublich viele nette Menschen gibt.

Die nächsten 15 Meilen auf dem PCT führen durch das Gebiet, das vor einem Jahr in Flammen stand. Alles ist abgestorben – ein ganz schön bizarrer Anblick. Ich laufe bis in den Sonnenuntergang hinein, denn ich habe mir für den Tag ein Etappenziel vorgenommen: 2000 Meilen habe ich hinter mir. Das Ziel rückt immer näher!

Weil ich im Moment sechs Tage Hikerhunger-Verpflegung mitschleppe, ist mein Rucksack so schwer wie lange nicht. Also lasse ich es die nächsten zwei Tage etwas ruhiger angehen und laufe „nur“ 29 Meilen pro Tag.

Es ist ruhig auf dem Trail geworden. Man merkt deutlich, dass es immer weniger Hiker gibt, die es bis hier durchgehalten haben. Allerdings kommen mir dafür immer mehr Southbounder entgegen, also die, die den Trail im Juli in Kanada starten und Richtung Süden laufen. Ich versuche das Beste aus der Einsamkeit zu machen und genieße ein paar unglaubliche „Into the Wild“-Momente, die es mir schwer machen ans Ende des Trails zu denken.

Als der Rucksack etwas leichter wird und das berühmte All-you-can-eat Bufett der Timberline Lodge näher rückt, beschließe ich, meinen längsten Tag anzugehen und laufe dann tatsächlich über 36 Meilen, rund 58 km. Ich kann selber nicht erklären, wie ich dazu im Stande bin. Am nächsten Tag stürze ich mich über das Bufett, von dem schon in Südkalifornien geredet wird. Ich esse so viel, dass ich erst einmal zwei Stunden Verdauungspause einlegen muss, bevor ich weiterwandern kann. Doch das tue ich gerne, denn endlich treffe ich mal wieder ein paar bekannte Gesichter, u.a. Red und Ren, mit denen ich gemütlich plaudere. Red überspringt den nächsten Abschnitt, weil Wanderfreundin Chips, die in South Lake Tahoe ausgestiegen war, sich für einen Besuch an der Grenze zu Washington angekündigt hat. Ren und ich begegnen uns auch die nächsten zwei Tage immer wieder auf dem Trail.

Die Berglandschaften sind wunderschön und ich bin so sonnenverwöhnt, dass ich mein Außenzelt schon seit Wochen nicht mehr aufgeschlagen habe. Einen Tag vor Washington verkrieche ich mich also mal wieder wie gewohnt im Moskitonetz und schlafe wie ein Baby. Doch als ich am nächsten Morgen um fünf Uhr aufwache, sehe ich, dass es von der Decke tropft. Es regnet! Der erste richtige Regen auf dem Trail. So schnell wie möglich packe ich meine Sachen zusammen – alles ist nass. Doch dagegen hilft nur: weiter wandern. Es sind 28 Meilen bis zum Grenzort Cascade Locks und ich lege keine einzige Pause ein. Glücklicherweise klärt es sich zum Nachmittag hin etwas auf. Ich treffe Ren und zusammen laufen wir bis zur Stadt, wo wir erst einmal die Brombeerbüsche abgrasen.

Da das Wetter mittlerweile wieder ganz gut ist, bauen wir unsere Zelte auf dem Campingplatz auf, gehen zusammen Wäsche waschen und verbringen den Abend dann mit ein paar weiteren Trailbuddies im Biergarten einer Brauerei, in der wir das erste Bier spendiert bekommen – und zwar von Gästen, die das Bier im Vorhinein bezahlen und uns dafür eine Nachricht auf einem Bierdeckel hinterlassen können.

Washington ist nur noch eine Brückenüberquerung entfernt. Als ich im Zelt liege, erhalte ich eine Nachricht von Red, dass auch er und Chips nun in Cascade Locks angekommen sind. Ich höre das Klicken von Zeltstangen neben mir und als ich den Kopf aus dem Eingang stecke, sind es tatsächlich Red und Chips, die ihr Zelt neben mir aufbauen. Wir freuen uns, dass wir uns noch einmal wieder sehen und beschließen die Grenze am nächsten Morgen zusammen zu überqueren.

Nach einem gepflegten Pancake Breakfast geht es also über die sogenannte „Brücke der Götter“ in den nächsten und letzten Staat.

Wir verabschieden uns von Chips und biegen nach rechts in den Wald ab. Bald haben wir die Autos hinter uns gelassen und stehen mal wieder vor einem 1000-Meter-Anstieg. Die Dusche und Wäsche vom Vortag sind innerhalb von Minuten dahin. Als wir Ren treffen, laufen wir eine Weile zu dritt, dann verliere ich die beiden aus den Augen.

Eigentlich weiß ich, dass sie immer auf mich warten, aber nun laufe ich stundenlang ohne eine Spur von ihnen. Ich laufe schneller und fange an, die entgegenkommenden Hiker nach einem Mann mit roten und einem mit schwarzen Bart zu fragen. Doch alle geben mir eine andere Antwort – ja, nein, kann sein. Am Abend suche ich schließlich einen Campspot auf und beschließe hier zu bleiben. Und als ich gerade mein Abendessen koche, kommt Ren um die Ecke. „Hier bin ich“, lacht er, „Sorry, ich musste ein Loch graben.“ Und Red? „Der saß eben auf einem Felsen und hat telefoniert.“ „Er ist also hinter uns?“, frage ich verdutzt. „Ja“, antwortet Ren und beginnt sein Zelt neben meinem aufzubauen. Ich verdrehe die Augen. Ich war also die ganze Zeit VOR den beiden. Auch Red trifft kurz darauf ein und grinst: „Das war lustig: Alle wussten wer ich bin!“ Dann klopfen sie mir halb lachend und halb tröstend auf die Schultern und versichern mir, mich nicht einfach alleine zu lassen.

Die ersten Tage in Washington führen fast ausschließlich durch dichte, grüne Wälder. Die wenigen Aussichten, die wir haben, sind meistens leider verraucht. Denn auch in Washington sind ein paar Waldbrände ausgebrochen. Am dritten Tag nach der Brücke der Götter mache ich einen Abstecher nach Trout Lake, wo mein erstes Resupply Paket wartet. Von hier aus ist die Grenze nach Kanada nur noch 430 Meilen entfernt und langsam wird mir bewusst: Das Ende naht.

Hier gibt’s das Video der letzten Tage: https://youtu.be/dF4F2DmCPXw


3 Gedanken zu “Tag 112-121 / Meile 1985-2229: Colors of the wind

  1. Wow. Mir fehlen die Worte.
    Bin heute auch einen Berg hinaufgewandert. Allerdings ohne Gepäck und nur 600 Höhenmeter. Ich weiß nicht wie man das schaffen kann was du auf dem PCT leistest. Freue mich auf unser Wiedersehen. Bleib auch für den Rest der Zeit gesund! LG Deine Mama

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  2. Hallo Denise, echt bewundernswert was Du leistet. Wir sind momentan auf dem Mainradweg unterwegs und haben 65km mit dem Rad geschafft. Wenn Du nach Hause kommst, sind wir auf Deine weiteren Reisebericht gespannt. Liebe Grüße und weiter viel Erfolg Brigitte und Udo.

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  3. Also für die Distanz, die Du bis jetzt zurückgelegt hast, musste ich fast ein Jahr vor Deinem Start loslegen. Aber da ist noch einem Unterschied; 10 kg Gepäck hatte ich nie dabei: bin Heimschläfer 🙂
    Nun bist Du ja fast auf der Finishline.
    viele Grüße und weiterhin toi, toi, toi

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