Tag 122-130 / Meile 2230-2464: Maybe tomorrow

„Wanna take my time for me, all me.
So maybe tomorrow I’ll find my way home.“
Stereophonics
Es ist leer auf dem PCT geworden. Das ist mir in den letzten Tagen mehr und mehr aufgefallen. Also mache ich das, was mir übrig bleibt: Weiterziehen. Die Natur und ich. Ich und die Natur.
Nachdem Red nun endgültig einen Teil überspringen musste, um rechtzeitig auf der Hochzeit seines Freundes sein zu können, und Ren weiterhin 30-Meilen-Tage läuft, wandere ich wieder auf eigene Faust. Das PCT-Days Festival zieht die meisten Hiker über das Wochenende nach Cascade Locks, aber mein unsoziales Ich hat keine Lust auf den Trubel und bleibt lieber auf dem Trail. Das beste daran: Der PCT ist jetzt menschenleer und ich erlebe die Wildnis wie sie sein soll: richtig wild.

Es steht auch gleich schon das nächste Mini-Abenteuer an. Gleich hinter dem Old Snowy Mountain, der mich mit wunderschönen Aussichten beglückt, beginnt mal wieder eine Fire Closure. Und weil auch auf der Detour ein Feuer ausgebrochen ist, laufe ich jetzt die Detour von der Detour.

20180824_2231216481025518475855064.jpg

Wie viele Meilen der Umweg lang ist, weiß keiner so genau. Aber fest steht: Er ist verdammt hart. Es geht über steinige Wege steil bergauf, bergab und wieder bergauf. Wenn die schönen Aussichten und die üppigen Blaubeerbüsche nicht wären, würde ich die ganze Zeit fluchen.

Kurz bevor ich in White Pass ankomme, muss ich dann auch noch einen Fluss überqueren und mir gehen die Worte eines Hikers durch den Kopf, der mal gesagt hatte: „Washington ist wie die High Sierras ohne Schnee“. Und ich finde er hat Recht.

In Washington kommen wir Hiker fast nie an richtigen Orten vorbei, sondern nur an Highway-Pässen, wo es eine Tankstelle oder ein kleines Restaurant gibt, zu dem wir im vorhinein unsere Resupply-Pakete geschickt haben. In White Pass nehme ich also mein zweites Paket entgegen und mache mich wieder auf den Trail. Nächster Stop: Snoqualmie Pass. Am nächsten Tag treffe ich Bomber wieder und lerne außerdem Maren aus Kiel kennen, die im Frühjahr ihr Abi gemacht hat und jetzt zwei Monate durch Oregon und Washington wandert.

Als wir zusammen beim (für mich zweiten) Frühstück sitzen, fällt mir auf, dass ich zu wenig Essen dabei habe. Ich esse momentan wie ein Mähdrescher und habe dennoch das Gefühl immer dünner zu werden. Sobald ich meinen Foodsack aufmache, habe ich Schwierigkeiten nicht alles sofort und auf einmal zu verspeisen. Und da ich nicht hungern will, entscheide ich reinzuhauen und einen halben Tag früher in Snoqualmie anzukommen. Was mir – dank eines 28- und eines 31-Meilen-Tages – auch gelingt.

Ich checke in der gemütlichen Hütte des Washingtoner Alpenvereins ein und verdrücke eine große Portion Chicken Curry bei „Dan“, der einen Food Truck betreibt und allen Hikern ein Bier ausgibt. Als ich dort sitze und mit den Einheimischen plaudere, kommen Heaps und Neo vorbei, die ich zuletzt in Nordkalifornien gesehen hatte. Das Wiedersehen und die Tatsache, dass Dan uns ununterbrochen Wein ausgibt, hellen meine Stimmung beträchtlich auf.

Heaps bestätigt meine Vermutung: Es sind kaum noch Hiker auf dem Trail. Auf Grund der vielen Waldbrände in der Gegend haben vor allen Dingen viele Amerikaner den PCT vorerst an den Nagel gehangen und wollen zu einem späteren Zeitpunkt zurück kehren. Keine Option für uns: Wir gehen jede Detour, die die PCTA uns vorgibt.

Die nächsten Tage ziehe ich also durch einsame Wildnis, Meile für Meile durch Washington. Ich verfluche die steinigen Wege und nehme das ewige bergauf und bergab ohne Worte hin. Und ich schwanke zwischen Freude und Trauer über das baldige Ende. Über vier Monate bin ich jetzt in dieser Gegend zuhause, bin jeden Tag dreckig und hungrig, friere und schwitze im konstanten Wechsel. Ich merke, dass ich müde werde und mich darauf freue, das Ziel zu erreichen. Gleichzeitig genieße ich jede Sekunde in der Abgeschiedenheit.

Am Stevens Pass verlasse ich den Trail und gönne mir eine Nacht im Hotel in Leavenworth. Ab hier ist es nicht mehr weit. Den nächsten Blogbeitrag werde ich dann (hoffentlich) aus Kanada schreiben! So maybe tomorrow I’ll find my way home.

Hier ist das Video der letzten Tage: https://youtu.be/kZZJ8T2sloY


3 Gedanken zu “Tag 122-130 / Meile 2230-2464: Maybe tomorrow

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s