Tag 140+ / 0 Meilen: Ich komm jetzt heim

Es fiel mir schwer abschließende Worte zu finden. Also habe ich es vor mich hin geschoben … Doch nachdem mich so viele Leute auf meinen noch fehlenden Blogeintrag angesprochen haben, habe ich mich nun endlich hingesetzt, um ihn zu schreiben. Also hier:

„Ich bin gestolpert, bin geflogen, war weit unten und ganz oben.
Ich bin viel zu lange auf den Beinen.
Ich komm jetzt heim.“

Tonbandgerät

Acht Meilen sind es bis zum Resort Manning Park. Acht lächerliche Meilen. Doch ich kann nicht mehr. Mein rechtes Bein schmerzt höllisch, mein ganzer Körper macht schlapp. Es fühlt sich an, als ob er jetzt begriffen hätte, dass er fertig ist. Dass er nicht mehr durchhalten muss. Also laufe ich an diesem Tag nur noch vier Meilen zum nächsten Campspot und beschließe dort zu bleiben. Um mich herum campen einige Kanadier, die das lange Wochenende genießen. Am nächsten Tag ist „Labor Day“. Auch Coin und Soda Pop haben hier ihre Zelte aufgeschlagen. Zum Abendessen setzen wir uns zusammen und tauschen uns über unsere nächsten Pläne aus: weiter reisen, heimfliegen, wieder arbeiten. Wir können alle noch nicht richtig begreifen, dass wir ihn nun wirklich geschafft haben, den PCT. Und das unsere Zeit in der Wildnis ab morgen vorbei ist.

Als ich im Schlafsack liege, muss ich an Linner denken und frage mich, ob sie sich Sorgen macht. Sie weiß ja noch gar nicht, dass ich die ganze Zeit nur knapp hinter ihr war. Im Trailregister habe ich gesehen, dass sie bereits um die Mittagszeit an der Grenze angekommen war. Ich beschließe also am nächsten Morgen früh loszugehen, um sie vielleicht noch in Manning Park einzuholen.

Um 6 Uhr stapfe ich los. Es nieselt leicht und ich habe nur ein Ziel vor Augen: Manning Park. Frühstück. Nach zwei Stunden und vier Meilen betrete ich die Straße. Zurück in der Zivilisation. Auf dem Parkplatz vor dem Resort sehe ich das Auto, das Linners Ehemann gehört. „Ein Glück“, denke ich mir, „sie sind noch da.“ Ich betrete das Restaurant und finde die beiden auch sofort. Als Linner mich entdeckt, springt sie auf: „Oh mein Gott – Icebear!!! Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ Sie hat Tränen in den Augen. „Aber ich wusste du schaffst es!“ Wir freuen uns wie zwei kleine Kinder. Dann setze ich mich dazu und Linner und ihr Mann laden mich zu einem extra großen Frühstück ein. Außerdem berichten sie mir, dass sie ein Zimmer im Resort haben und ich noch duschen könne, bevor wir zusammen nach Vancouver fahren. Was ein Luxus!

20180903_103131

Zwei Stunden später sitzen wir im Auto. Auch Coin und Soda Pop sind noch dazu gestoßen. Die Stimmung ist gelöst. Wir freuen uns alle, dass wir es geschafft haben. In Vancouver angekommen, verabschieden wir uns und ich mache mich auf die Suche nach einer Autovermietung. Da ich nun fünf Tage früher in Kanada angekommen bin, als geplant, habe ich beschlossen, einen kleinen Roadtrip zu machen. Und schon kommt die erste Zivilisations-Enttäuschung: Da Feiertag ist, haben alle Autovermietungen geschlossen. Verloren stehe ich an der Straße und überlege, was ich jetzt tun soll. Doch dann fällt mir ein, dass ich auch einfach zum Flughafen fahren könnte, wo die Vermietungen immer geöffnet sind.

Ich nehme also den Zug bis zum Flughafen und gehe in das erste Büro, dass mir in die Quere kommt. „Guten Tag, ich hätte gerne das günstigste Auto, dass Sie haben für fünf Tage.“ Nachdem ich mit dem Preis einverstanden bin, kramt der Mitarbeiter der Autovermietung in einer Schublade herum und holt einen Schlüssel heraus, auf dem ich das Jeep-Logo erkenne. „Komisch“, wundere ich mich noch, als der junge Mann mir auch schon erklärt, dass er mir einen Geländewagen gibt. Und als ich dann zum Parkplatz gehe, staune ich nicht schlecht: Da steht ein nagelneuer Grand Cherokee für mich bereit. So viel zum „günstigsten“ Auto.

20180906_114516

Ich grinse über beide Ohren, als ich das Parkhaus verlasse. Roadtrip! Meine erste Station ist tatsächlich ein Walmart, in dem ich mir Essen, eine Leggins und ein T-Shirt besorge. Dann checke ich in ein Hotel ein und sortiere mein Hab und Gut. Bevor es weiter Richtung Icefields Parkway und Nationalparks geht, mache ich einen weiteren Stop in einer Shoppingmall und kaufe mir neue Schuhe und Jeans. Es ist ein verrücktes Gefühl gar nichts zu besitzen.

20180905_131424

20180906_094919

Die nächsten Tage sitze ich fast nur im Auto. Und mein Körper ist froh darüber. Jedes Mal, wenn ich aussteige, schmerzen meine Füße wieder. Auch die Stationen am Icefields Parkway beeindrucken mich nicht so, wie ich es vielleicht erhofft hätte. Ja, ich werde sogar ein wenig überheblich und muss heimlich über die Touristen lachen, die die 200 Meter vom Parkplatz zum Aussichtspunkt in kompletter Outdoor-Ausrüstung stapfen und sich vermutlich wie echte Entdecker fühlen. Auf mich wirkt das alles etwas komisch.

20180906_084137
expectation…
20180906_084030
…vs. reality

Also genieße ich es, einfach nur stundenlang im Auto zu sitzen, Musik zu hören und die kanadische Landschaft an mir vorbei ziehen zu lassen. Der Jeep ist so groß, dass ich bequem hinten drin schlafen kann. Ich verbringe fünf ruhige Tage, bevor ich zurück nach Vancouver fahre. Doch auf Sightseeing habe ich so gar keine Lust. Die letzten drei Tage halte ich mich tatsächlich größtenteils in den Shopping Malls auf.

20180910_172023

20180910_212133

Und dann ist es auch schon so weit und ich steige in den Flieger, der mich zurück nach Europa bringt. Wenn ich eines gemerkt habe, ist es, dass ich mich weniger als Deutsche, aber umso mehr als Europäerin betrachte. Das Heimatgefühl kommt also schon beim Zwischenstopp in London auf. Und keine zwei Stunden später, steht meine Freundin Cora auch schon am Gate und erwartet mich mit deutschem Käsebrot und Salat (das hatte ich mir gewünscht). Als wir uns in die Arme fallen, lassen sich die feuchten Augen auch nicht mehr vermeiden. Ich bin wieder zu Hause.

Eine Woche später, fühlt es sich schon wieder so an, als wäre ich nie weg gewesen. Ich bin wieder vollkommen im Alltag integriert, arbeite, treffe meine Freunde und gehe meinen Hobbys nach. Meine Familie hat eine „Welcome Home“-Party für mich organisiert. Und natürlich werde ich von allen Seiten mit Fragen bombardiert, die ich auch gerne beantworte. Immer wieder frage ich mich dann: Finde ich das jetzt gut, dass ich so schnell „zurück“ bin?

Und eines Tages, als ich schon einen Monat wieder im Lande bin, öffne ich meinen Briefkasten und finde ein ganz besonderes Geschenk von der PCTA in meinem Briefkasten: eine Urkunde und meine PCT-Medaille. Die kriegen alle Thruhiker, die einen bestimmten Betrag an die Organisation gespendet haben. Und als ich dann am Küchentisch sitze und die Geschenke betrachte, begreife ich zum ersten Mal, dass ich es wirklich geschafft habe. Ich bin den PCT gelaufen. Die Abenteuerlust hat schon immer zu mir gehört und mich immer wieder von zu Hause losgerissen. Doch immer wieder komme ich zurück, denn ich weiß: Ich bin glücklich hier. Und deswegen ist es auch okay, dass alles wieder ist wie davor. Zumindest fast: Ich habe mir einen Lebenstraum erfüllt, das kann mir keiner mehr nehmen.

Ich bin 4.270 km durch die Hitze, die Kälte, durch Wüste, durch Berge, durch Wälder gewandert. Ich habe mich mit meinen Ängsten konfrontiert und bin über mich hinaus gewachsen. Ich hatte Frust und ich hatte Spaß. Ich habe die wunderschönsten Landschaften gesehen. Und vor allen Dingen: Ich habe die tollsten Menschen getroffen. Das wunderbarste am ganzen PCT war die Trail Community. Ob Hiker oder Trailangel, Trailbuddy oder kurze Begegnung: Noch nie in meinem Leben habe ich so viele tolle Menschen in so kurzer Zeit kennen gelernt. Die Hilfsbereitschaft der Leute wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Also geht mein letzter Gruß an die Namen, die ich nennen kann: Cheerio und Flora, Red und Muffinman, Stuckontheground und MacGyver, Gargoyle, Happy Feet und Surge, Linner, Ren, Heaps, Neo, Waterfall, Chips, Pants, Couchpotatoe, Drippy, Slippy und all die anderen Hiker der Class of 2018! It’s been a blast!

DSC02721DSC02733DSC02728


3 Gedanken zu “Tag 140+ / 0 Meilen: Ich komm jetzt heim

  1. Hi Denise, congrats! ich bin am 9. September am Monument in Kanada angekommen und hatte gehofft das wir uns vielleicht am Ende noch irgendwo treffen, bin aber erst am 5. Mai gestartet und konnte dich nicht mehr einholen 🙂 Viele Grüße nach Bonn, Steffen kenne ich seit vielen Jahren und er hatte mir erzählt das du auch den PCT läufst. Vielleicht sehen wir uns ja mal auf der Messe oder bei Intention. Grüße Erik https://erikwolbert.wordpress.com

    Gefällt mir

Schreibe eine Antwort zu Anonymous Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s